Maschinen-Monster
Arbeitskreis Film und Psychoanalyse
am
Abendgymnasium Frankfurt am Main
Winter-Semester 2010-11
Maschinen-Monster
Körper, Geschlecht und Unbewusstes im Kino

„Maschine + Sexualität“ gegoogelt ergibt über 100.000 Treffer und eröffnet damit Dimensionen, die wahrhaft unter- und abgründig genannt werden können. Eine der poetischsten websites fragt nach Interessenten, die „Sex mit dem Eiffelturm“ mögen; immerhin ist dieses phallische Symbol eines der ausgefallendsten Beispiel in der langen Reihe dessen, was man hier verkürzt „Objektliebe“ nennen kann.
Bezeichnend für alle Websites ist die „Anthropomorphisierung“ des Themas Maschine/Sexualität: der kindlich-kindische Jubel über den Spiegel-Anderen als Maschinen oder als künstliche Wesen, die dazu geschaffen sind, endlich das wichtigste menschliche Grundbedürfnis lösen zu können, kennt keine Grenzen; und, wie aus der Werbung bekannt, werden unendliche Reihen von Objekten ange-boten, die erdacht oder erschaffen worden sind, um aller Frustration endlich den Garaus zu machen: dem Sex als Technik soll mithilfe einer Technik des Sexes Abhilfe geschaffen werden; man meint da-mit einen alten Menschheitstraum realisieren zu können, der schon seit Pygmalion herumspukt: die Schaffung eines künstlichen Anderen, der uns endlich zum Glück ohne Reue verhilft.

Dass hier die „Technik“ die hervorragende Rolle spielt, kommt nicht von ungefähr, geht es doch seit den Zeiten des Kamasutra um nichts anderes. Die Bereitstellung von Glückserlebnissen durch technisch-künstliche Geschöpfe knüpft an der Idee an, dass der Körper des Menschen als Maschine zu denken sei (die modernen Neuro- oder Biowissenschaften bestärken diese Erwartung). Ist der menschliche Körper aber einmal auf Technik reduziert, so lässt sich auch jedes menschliche Bedürfnis (inklusive der Sexualität) durch Technik(en) bewältigen.
Lassen sich aber Organismus und Maschine so ohne weiteres gleichsetzen?
Als ‚Maschine‘ kann man eine künstliche Konstruktion definieren, deren wesentliche Funktion von einem zweckgerichteten Mechanismus abhängt; dieser wiederum ist eine Konfiguration fester und beweglicher Teile, die in bestimmten Abständen immer wieder dieselbe Beziehung unter den einzel-nen Bestandteilen herstellen; m.a.W. der sog. Freiheitsspielraum ist prinzipiell beschränkt und von daher werden Bewegungen von solchen Maschinen oder Mechanismen (re)produziert, aber nicht im eigentlichen Sinne „erschaffen“. Dennoch weist die Theorie der Mensch- (oder Tier-)Maschine von Aristoteles bis Descartes (und darüber hinaus) auf die Idee des Lebendigen hin, das als menschliches Imitat des göttlichen Werks der Menschenschöpfung gedeutet wird: Waren es bei Aristoteles noch Sklaven oder Tiere, so werden das seit der Industriellen Revolution die modernen Maschinen, die erfunden wurden, um dem Menschen die biblisch verordnete Mühsal der Arbeit als Austausch mit der Natur abzunehmen. Die Aufgabe des „deus faber“ wird übernommen von „homo faber“: die Kon-struktion der Maschine dient fortan dem Menschen und ist immer zweckbestimmt; der politische Anthropomorphismus eines Aristoteles (Sklave, Tier) ist abgelöst durch einen technologischen An-thropomorphismus (Maschine).
Doch das berühmte Diktum, dass das organische Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, behält auch hier seine Wahrheit: Es gibt zwar Maschinen, die andere Maschinen reparieren oder die sich selbst regulieren können; was sie aber allesamt vom lebendigen Organismus unterscheidet ist, dass sie sich nicht selbst erzeugen können! Alles Leben ist Experiment, d.h. Improvisation, Zufallsprodukt, „Autoplastizität“ (Catherine Malabou), die nach allen Richtungen hin offen ist.
Wenn aber die Maschine nichts weiter ist und bleibt als ein Kunstprodukt des Menschen und die Rationalisierung nichts als eine Verlängerung der menschlichen Organe (im Dienste eines „ich denke, also bin ich“), was zeichnet dann – im Unterschied zu den Maschinen ‒ die „Monster“ aus?
Hier bewegen wir uns nun auf modernem Gebiet, das uns ‒ nach der Literatur des Phantastischen ‒ jene Monstrositäten z.B. vor allem im Film verbildert, die uns bis in unsere tiefsten Träume verfol-gen. Das Monstrum gehört dem Organisch-Lebendigen an ‒ es gibt keine „pathologischen“ Maschi-nen. Es bleibt nun die Frage, ob und inwieweit das neugeschaffene Monster dem Status der oben be-schriebenen Maschine entkommen kann.
Die meistbekanntesten „Film-Monster“ wurden nach dem Bilde des Menschen geschaffen (Golem, Frankensteins Monster, dessen Braut bis E.T. usf.); der aktuelle Film von Vincente Natali „SPLICE“ (2009) eröffnet allerdings eine neue Perspektive, weil hier das Beispiel einer organisch-maschinell er-zeugten Kreatur gezeigt wird, die sich von der herkömmlichen Zweckbestimmung der Maschinen gleichsam „emanzipiert“ hat; damit kehrt sie die Frage der künstlichen Maschinen-Monster mit einem Schlag um, denn sie lässt danach fragen, was „das Unbewusste“ der Maschinen sein könnte, das sich hier der menschlichen Fabrizierung entziehen könnte.

Damit revolutioniert das Monster „Dren“ aber auch die eingangs in der Website über den Eiffelturm aufgeworfene Frage: Es geht nun nicht darum, ob WIR Sex mit dem Eiffelturm haben möchten, sondern darum: ob der Eiffelturm MIT UNS Sex haben möchte!
Und je nachdem wie er uns im Kino anschaut, könnten wir vielleicht (er)spüren, was er sein Be-gehr ist.
Der diessemestrige Film-Arbeitskreis „Film und Psychoanalyse“ am Abendgymnasium Frankfurt am Main will den Spuren von Maschinen und Monstern im Film von seinen Anfängen bis heute nachgehen; sie rühren dabei an ein Grundproblem: Welches Geschlecht haben eigentlich Maschinen und Monster, dass sie uns so sehr anrühren?

- Der Arbeitskreis Film am Abendgymnasium Frankfurt am Main (AGF) trifft sich im Wintersemester wieder am Donnerstag, 14-täglich, B-Woche, im Bildungszentrum Ostend (BZO), Raum 1041, 19.15-22.15 Uhr.
- Anmeldung bei H.-P. Jäck, hpjck@t-online.de
- Die erfolgreiche Teilnahme kann für Studierende des AGF im Kursheft bzw. im Zeugnis bestätigt werden.
- Der Arbeitskreis ist auch für Teilnehmerinnen und Teilnehmer außerhalb des Abendgymnasiums offen.
- Die Filmankündigungen werden jeweils am Schwarzen Brett in der Eingangshalle und per e-mail angekündigt.
Filmauswahl:
Andrew, Nicol: Gattaca, 1997
Arnold, Jack: Der Schrecken von Amazonas, 1954
ders.: Tarantula, 1955
Bay, Michael: Die Insel, 2005
Cameron, James: Avatar, 2009
ders.: Terminator, 1984
ders.: Abyss, 1989
Carpenter, John: Das Dorf der Verdammten
ders.: The Thing
ders.: The Fog
Coen, Joel und Ethan: Matrix
Cronenberg, David: Die Fliege, 1986
ders.: Shivers – Parasiten-Mörder, 1975
ders.: Rabid – Der brüllende Tod, 1972
ders.: Die Brut, 1979
ders.: Dead Zone, 1983
ders.: Dead Ringers, 1983
ders.: eXistenZ, 1999
Darabont, Frank: Der Nebel (The Mist), 2007
Donaldson, Roger: Species, 1995
Emmerich, Roland: Godzilla
Galeen, Henrik: Alraune, 1928
Haskin, Byron: Kampf der Welten, 1954
Honda, Inoshiro: Godzilla
Julian, Rubert: Das Phantom der Oper, 1925
Kaufman, Philip: Die Körperfresser kommen, 1978
Landis, John: American Werewolf, 1981
Lang, Fritz: Metropolis
Lucas, Lucas: Star Wars
Marshall, Frank: Arachnophobia, 1990
Natali, Vincente: Splice, 2009
Neumann, Kurt: Die Fliege, 1958
Pal, George: Die Zeitmaschine, 1960
Russel, Chuck, The Blob
Scott, Ridley: Alien
ders.: The Blade Runner
Sears, Fred F.: Fliegende Untertassen greifen an, 1957
Siegel, Don: Die Dämonischen, 1956
Spielberg, Steven: E.T.
ders.: A.I.
ders.: Unheimliche Begegnung der 3. Art
ders.: Jurassic Park, 1993
Trumbull, Douglas: Silent Running/Lautlos im Weltraum, 1972
Vadim, Roger: Barbarella, 1967
Waggner, George: The Wolf Man, 1941
Wegener, Paul: Der Golem, 1920
Whale, James: Frankstein, 1931
ders.: Frankensteins Braut, 1935
Wilcox, Fred M.: Verbotener Planet, 1956
Wise, Robert: Der Tag an dem die Erde stillstand, 1951
Wood, Edward C.: Plan 9 from the outer space, 1959
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