Schul-Veranstaltung mit Diskussion

 

Das Zeitalter der „Neuen Revolutionen“

 

Das Ende vom Mythos der arabischen Unfähigkeit zur Demokratie am Beispiel Ägypten und Tunesien

 

 

 

 

Am Donnerstag, dem 31. März 2011 fanden sich zu dieser Veranstaltung über 300 Studierende und Lehrer des Abendgymnasiums im Großen Saal des Hoch´schen Konservatoriums ein. Das Thema stieß offenbar auf großes Interesse, was nicht nur an der Teilnehmerzahl zu erkennen war, sondern auch an den vielfältigen Fragen an die Referenten.

 

 

 

Jeweils einen kurzen Vortrag zum Thema hielten Saousan ben Arar, deutsch- tunesische Journalistin, Frankfurt am Main, und Youssef Shehab, deutsch- ägyptischer Koordinator des Deutsch-Ägyptischen Ärztevereins (DÄÄV), Frankfurt am Main. Beide haben Solidaritäts-Demonstrationen für die Revolution in ihren Herkunftsländern in Frankfurt organisiert. Und beide berichteten davon, wie sehr ihre alte Heimat in ihrem Leben in Deutschland wieder in den Mittelpunkt gerückt sei, nachdem dort zum Sturz der Diktatoren aufgerufen worden war. Es ging ihnen wie vielen Immigranten aus Ländern, in denen plötzlich alles in Bewegung ist. Sie wollten auf irgendeine Weise partizipieren, ihre Verbundenheit zeigen mit den Aufständischen, zu denen sie aufgrund ihrer Ausbildung und Klassenzugehörigkeit auch tatsächlich gehören.

 

Die Revolutionen in Tunesien und Ägypten werden besonders von der gebildeten bürgerlichen Schicht getragen, und hier sind es insbesondere die Jüngeren, die sich dank der neuen Kommunikationsmedien so wunderbar organisieren können. Diese Menschen leiden – wie alle ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger – unter korrupten Regimen, unter mangelhaften (öffentlichen) Schulen, unter einer erbärmlichen Infrastruktur: aber hinzu kommt, dass sie beruflich keine Perspektiven haben. Sie sind die potentiellen Auswanderer oder die schon einmal Ausgewanderten, sie arbeiten überall in der Welt als Gastarbeiter oder kommen wohl auch wieder zurück, weil sie es ohne Familie und Heimat doch nicht aushalten.

 

Während Saousan ben Arar gerade dieses Gefühl einer erneuerten Verbundenheit beschrieb und ihre Hoffnung und ihren Optimismus in Bezug auf eine neue und bessere Gesellschaft in Tunesien ausdrückte, versuchte Youssef Shehab Erklärungen zu finden, wie es zu den Revolutionen hatte kommen können. Diese ? man vermutet es schon – entstehen ja nicht über Nacht. Viel Unwille und Empörung muss sich konzentrieren, vernetzen und schließlich organisieren. Dann aber ist man beeindruckt von der Gewaltlosigkeit und der taktischen Intelligenz der Revolutionäre, von der Organisation und Umsicht, mit der die Aufständischen vorgingen. An alles schien gedacht worden zu sein: Essen wurde fortwährend auf die zentralen Plätze geliefert, medizinische Versorgung stand ebenso bereit wie sanitäre Einrichtungen, es soll sogar Kinderbetreuung gegeben haben. Stadtviertel wurden ? nach der Auflösung der Polizei – von Bürgerwehren vor Plünderung geschützt. Die Bauern lieferten weiterhin ihre Produkte in den Städten ab. Es scheint zu keinen nennenswerten Engpässen gekommen zu sein.

 

Den Ausschlag gab sicher, dass die Tunesier und Ägypter auf ihr Militär vertrauten, von ihm sogar Schutz erwarteten gegen bezahlte, gewalttätige Conter- Revolutionäre, und ihr Vertrauen dann auch nicht zerstört wurde, obwohl natürlich viele hochrangige Militärs von den Diktatoren-Regimen profitiert und sie auch offenbar bis zu diesem Zeitpunkt unterstützt hatten. Diese richtige Einschätzung hat den Tunesiern und Ägyptern geholfen, ihre Revolution gewaltlos durchzuführen. Die Kinder der Oberschicht standen nämlich auch mitten unter den Revolutionären, sodass mancher General wohl gezögert haben mag, das Feuer auf seinen eigenen Nachwuchs, auf seine eigenen Freunde oder Verwandten zu eröffnen.

 

 

 

Die Studierenden am Abendgymnasium brachten ihre gute Meinung gegenüber den Revolutionären zum Ausdruck, indem sie betonten, wie sehr es ihnen z.B. imponiert habe, dass die Religion einmal nicht instrumentalisiert worden sei. Demonstrativ hatten in Ägypten Moslems und christliche Kopten Seite an Seite gekämpft. Die Moslembrüder waren zwar präsent (sorgten zum Beispiel auf dem Tahrir-Platz in Kairo für die medizinische Versorgung), versuchten aber nicht, die Bewegung zu dominieren. Was aber die Studierenden des Abendgymnasiums Frankfurt vor allem bewegte, war die Frage, ob die Religion weiterhin „eingedämmt“ werden könne oder ob mit „iranischen Verhältnissen“ gerechnet werden müsse. Die Referenten zeigten sich einstimmig optimistisch, dass es nicht zu „iranischen Verhältnissen“ kommen würde. Sie betonten allerdings auch, dass ein arabisches Demokratieverständnis unter Umständen anders aussieht als ein westlich-abendländisches. An eine Trennung von Staat und Religion wollten sie nicht glauben. Dass Menschen allesamt religiös sind und es auch gern sind (gleich ob Moslem oder Christ) ist eine Vorstellung, die der Mehrzahl der Europäer allerdings sehr fremd ist.

 

Positiv wurde auch die Gleichberechtigung von arabischen Frauen und Männern gesehen. Die Medien haben sehr, sehr viele Beispiele gebracht, die zeigen, dass Frauen sich in Tunesien und Ägypten sehr wohl zu Wort melden können. In beiden Ländern haben Frauen auch bereits viele Organisationen gegründet, die sich um die Gleichstellung der Frauen kümmern. Die Revolutionen jedenfalls gehörten zu 50 Prozent ihnen.

 

Aber können die Menschen dort denn plötzlich „demokratisch“ handeln? ? fragten manche Studierende skeptisch. Sie leben doch seit Jahrhunderten unter un- demokratischen Regimen. Auch hier zeigten sich unsere Referenten optimistisch. In Deutschland habe man demokratisches Leben – nach dem ersten Fehlschlag in der Weimarer Republik – doch schließlich ebenfalls gelernt. Heute – im Zeitalter von Fernsehen und Internet – ist demokratisches Verhalten weltweit nicht unbekannt. Man weiß, was ein Parlament ist, wer es wählt, wie es zusammengesetzt ist und welche Machtbefugnis es einer Regierung zu- oder absprechen kann. Die ersten Wahlen in Ägypten (zur Verfassungsänderung) fanden großen Zuspruch bei der Bevölkerung. Den Menschen war so etwas wie ihre Würde zurückgegeben worden, indem sie zum ersten Mal nicht mehr als bloßes Stimmvieh missbraucht wurden, das den Potentaten in albernen Scheinwahlen zu 99 % immer wiederwählt.

 

Viele unserer Studierenden stammen aus Marokko oder aus dem Iran, und natürlich wünschen auch sie sich für ihr ursprüngliches Heimatland demokratische Verhältnisse. Nicht überall – wie man am Beispiel Iran gesehen hat und am Beispiel Libyen gerade sieht – sind Revolutionen so schnell und unblutig durchzuführen. Afghanistan ist natürlich auch ein Beispiel dafür. Aber dass demokratische Verhältnisse Einzug halten, nachdem westliche Mächte sich einmischen, mag man spätestens seit den Irak-Kriegen und dem Krieg in Afghanistan nicht mehr glauben. Die größten und drückendsten Probleme in so gut wie allen arabischen Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens sind und bleiben die Unterdrückung der individuellen Freiheiten und die Beherrschung durch korrupte, post-kolonialistische Regierungen, die die Staaten zu privater oder familiärer Bereicherung ausbeuten.

 

Unsere Verantwortung liegt darin, unsere westlichen Regierungen zu zwingen, mit Diktatoren nicht ins Geschäft zu kommen, sie weltweit zu ächten und ihnen erst recht keine Waffen zu liefern. So erhalten die Menschen den Spielraum, den sie benötigen, um ihre eigene Regierungsform selbst zu bestimmen. Wir sollten aber nicht als Missionare auftreten, diese Rolle haben die westlichen Demokratien endgültig verspielt. Was Menschen aber überall wollen: Liberté, Egalité und Fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), das sollten wir mutig unterstützen.

 

Die Veranstaltung wurde organisiert von Hans-Peter Jäck (Fachbereich II), Uta Brückner (UNESCO-Schulprojekt) und Marion Baumann (Leitung).

 

Fotos: HP Jäck, Artikel: M.Baumann