Latein

 

Latein – eine tote Sprache?

Estne mortua lingua Latina? Non est mortua, immo vero vivit! Vide http://www.yle.fi/radio1/tiede/nuntii_latini/.

Ja, auch Latein gibt es im Internet! An der angegebenen Adresse finden Sie die lateinischen Wochennachrichten Nuntii Latini des Finnischen Rundfunks (in schriftlicher und akustischer Form), die seit September 1989 ausgestrahlt werden. Radio Bremen sendet seit Oktober 2001 einen Monatsrückblick, seit 1. Juli 2011 auch einen Wochenrückblick auf Latein, ebenfalls unter dem Titel nuntii latini. Auch Radio Vatikan bietet lateinische Nachrichten im Internet (seit 2006), ebenfalls in Textform und in akustischer Form (MP3, Real Audio). Radio F.R.E.I. aus Erfurt hat seit Juli 2015 eine wöchentliche Lateinsendung im Programm namens Erfordia Latina. Mit Ephemeris (Tagebuch) gibt es gar eine lateinische Tageszeitung online. Und, natürlich, gibt es eine lateinische Version der Wikipedia, die Vikipaedia.

Um die oben gestellte Frage nun auch zu beantworten: Jawohl, Latein ist eine tote Sprache. Das ist per definitionem eine Sprache, die keine Muttersprachler mehr hat. Aber es wird immer wieder versucht, sie wieder zu beleben. Latein ist einfach nicht tot zu kriegen und gleicht darum einem Zombie. Außerdem hat sie viele quicklebendige Kinder hervorgebracht, nämlich die romanischen Sprachen (Französich, Italienisch, Spanisch, Rumänisch et cetera), und sehr viele ihrer Wörter leben in anderen Sprachen – oft unerkannt – fort, auch im Deutschen oder Englischen, als Lehn- und Fremdwörter (z.B. vinum in Wein, fenestra in Fenster, cista in Kiste, oder mercator in merchant, intrare in entrance, populus in people).

 

Wozu Latein?

Wenn Latein eine tote Sprache ist – wozu braucht man es dann? Eine berechtigte Frage. Hier die Antwort: Latein wurde nicht nur gesprochen auf den Straßen und Marktplätzen von Rom oder Trier, Karthago in Nordafrika oder Cordoba in Spanien, sondern vor allem auch geschrieben von römischen Dichtern wie Vergil und Ovid, Horaz und Martial. Später, im Mittelalter und in der Neuzeit, auch von Theologen, Historikern und Wissenschaftlern in aller Welt, z.B. hat Sir Isaac Newton seine Philosophiae Naturalis Principia Mathematica (1686), das Grundbuch der modernen Physik, in dem die Theorie der Gravitation erstmals formuliert wird, auf Latein vorgelegt.

Diese Texte – so könnte man meinen – kann man doch auch in einer Übersetzung lesen und ihren Inhalt zur Kenntnis nehmen. Man könnte sie doch im Prinzip alle in die heutige Weltsprache Englisch übersetzen (oder maschinell übersetzen lassen, nämlich von Computern) und dann sagen: That's it – hier steht's geschrieben, was etwa Thomas von Aquin in seiner Summa Theologiae (1265) sagt. Aber dies wäre ein Irrtum: Jede Übersetzung ist bereits Interpretation. Das wissen nicht nur Theologen, sondern auch Europa-Politiker und Euro-Juristen aus eigener Erfahrung. Und bei Dichtungen etwa geht beim Übersetzen natürlich vieles verloren, die Laut- und Klanggestalt lässt sich nur unzureichend von einer Sprache in die andere übertragen. Und darum heißt es für immer und alle Zeit: Ad fontes! (Zurück zu den Quellen!), sprich zu den Originalschriften. Nur wer die Schriften im Original lesen kann, kann sie voll und ganz verstehen.

Dies – und nichts anderes – ist der tiefere Grund dafür, dass in vielen Studiengängen das Latinum (Kurzform für examen Latinum, zu deutsch Lateinische Prüfung) gefordert wird.

 

Latein am Abendgymnasium

Trotz des Hinweises am Anfang: Ziel des Lateinunterrichts ist nicht, wie in den modernen Fremdsprachen, die aktive Beherrschung des Lateinischen als Kommunikationsmedium; sondern die Fähigkeit, antike, mittelalterliche oder neulateinische Texte zu verstehen und in angemessener Form ins Deutsche zu übersetzen und zu interpretieren.

Der Lehrgang gliedert sich grob in zwei Phasen: Einer Sprachlernphase in Vorkurs- und Einführungsphase folgt eine Lektürephase in der Qualifikationsphase.

 

Vorkurs- und Einführungsphase

Hier werden anhand eines Lehrbuches (Latinum, Verlag Vandenhoek & Ruprecht) die sprachlichen Grundlagen erarbeitet. Themen sind dabei das Alltagsleben der Römer oder Rom und seine Geschichte. Hier lernen Sie

  • die grammatische Terminologie (10 Wortarten, 5-6 Satzteile) und wie man sie zur Beschreibung von Sätzen und Texten verwendet (nicht nur des Lateinischen, sondern aller bei uns unterrichteten Sprachen);
  • rund ein halbes Tausend lateinische Vokabeln, von denen ein Großteil (rund ein Drittel) in deutschen Lehn- oder Fremdwörtern fortlebt oder in englischen Wörtern, und wie sie diesen historischen Umstand beim Lernen vorteilhaft einsetzen können;
  • einige grundlegende Phänomene der lateinischen Sprache (Deklinationen und Konjugationen, Stammformen von Verben, Pronomina, AcI);
  • wie man beim Übersetzen ins Deutsche nicht nur die Lateinische Sprache besser durchschaut (als wenn man sie bloß sprechen würde), sondern auch die deutsche Sprache;
  • einige Techniken zur Erschließung von lateinischen Texten kennen (Wort-für-Wort-Methode, Konstruktionsmethode, Dreischrittmethode);
  • einige grundlegende Sachverhalte des antiken Lebens kennen (z.B. den Unterschied zwischen unserer Familie und einer römischen familia, Landwirtschaft und Ernährung, römischer Staat und römische Politik, Überblick über die römische Geschichte).

 

Qualifikationsphase

Die Kurse in der Qualifikationsphase widmen sich verschiedenen Themen. Sie behandeln Texte von Autoren wie Caesar, Plinius oder Seneca. Hier lernen Sie

  • nach und nach die restlichen sprachlichen Phänomene des Lateinischen kennen und durchschauen, um sie immer wieder bei der Texterschließung anzuwenden;
  • ein erweitertes Repertoire an Wörtern zur Beschreibung und Analyse von Texten kennen (Textsorten und literarische Genera, rhetorische Stilmittel, Argumentformen);
  • verschiedene Themen kennen: historische (Caesar, Rom und fremde Völker), naturwissenschaftliche und rechtliche (Plinius, Vesuvausbruch, Behandlung von Sklaven) oder philosophische (Seneca, Alltagsleben, Moralphilosophie);
  • einen vertieften Blick in die römische Geschichte, Zivilisation und Kultur zu werfen.

 

Abitur

Im Abitursemester können Sie das Latinum erwerben (s.u.), indem sie

  • entweder im 4. Semester der Qualifikationsphase im zeitlichen Zusammenhang mit dem Abitur eine Klausur schreiben
  • oder Latein als schriftliches Prüfungsfach im Abitur wählen.

In beiden Fällen muß die Klausur mit mindestens 5 Punkten bestanden werden.

 

Qualifikationen und Zertifikate

Am Ende des vierten Semesters kann bei entsprechenden Leistungen eine Bescheinigung ausgestellt werden über Lateinkenntnisse im Umfang des früheren kleinen Latinums, die von manchen Universitäten für einige wenige Studiengänge anerkannt wird.

Das Latinum erhält man nach erfolgreichem Besuch des Lateinunterrichts vom Vorkurs bis zum Abitur. Es ist Voraussetzung für etliche geisteswissenschaftliche Studiengänge, insbesondere Lehramtsstudiengänge (z.B. für die Lehrämter Geschichte, moderne und alte Fremdsprachen, Philosophie), aber auch für Archäologie, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft oder Theologie. Für Medizin und Jura wurde das Latinum bislang nicht gefordert. Die Lage ändert sich jedoch.

Weitere solide und aktuelle Informationen über das Latinum gibt es hier:

Informationen zum Latinum.

Latein als Studienvoraussetzung.

 

Links

Aus der riesigen Fülle von Material über Latein im Internet hier eine kleine Auswahl: