Der Film-Arbeitskreis am Abendgymnasium
zur Filmreihe «Film und Psychoanalyse»
Als sich im Jahre 1992 eine kleine Gruppe Studierender zum ersten Mal zu einer Sitzung des ARBEITSKREISES «FILM« am damaligen AG 1 einfand, war das nicht allein wegen der Neuheit des Themas ein Experiment, sondern auch aufgrund der Veranstaltungszeit und des -ortes: Da die Gastschule, das Elisabethengymnasium, ihre Tore schon um 21.00 Uhr schloss, ein Film aber 90 Minuten und länger dauert, musste ein Ort für die Diskussion des Films gefunden werden. So traf es sich gut, dass die Wohnung des Arbeitskreisleiters Hans-Peter Jäck nicht weit ab vom Abendgymnasium lag, wo man dann oft bis nach Mitternacht zusammen saß: die Köpfe diskutierten sich heiß, während sich der Kühlschrank allmählich leerte...
Inzwischen ist der Film-Arbeitskreis zur festen Institution am Abendgymnasium geworden und findet regelmäßig "Aficionados", die nicht nur die 14-täglichen Termine besuchen, sondern auch die zusätzlichen Mühen (und Kosten) nicht scheuen, um gemeinsam brandaktuelle Filme in den Frankfurter Lichtspielhäusern auch außerhalb der Schulzeiten zu sehen und zu diskutieren.
Hat sich über all die Jahre die Zusammensetzung des Arbeitskreises immer wieder geändert, so ist dennoch ein Grundelement beibehalten worden, der Filmreihentitel: „Film und Psychoanalyse“.

Die Psychoanalyse hat sich seit Sigmund Freud (1856-1939) einen festen Platz innerhalb der "Sozialwissenschaften vom Menschen" erobert und ist seitdem in vielerlei Verwässerungen in die Alltagssprache, ins Alltagsleben eingedrungen. Dennoch stößt sie besonders in ihren effektvollen und kompromisslosen Analysen auch heute noch auf Widerstand, weil sie auf jenen Tabuzonen unserer abendländischen Kultur insistiert, die meist durch Einbettung ins Allgemeinmenschliche oder ins Mythologische verdeckt werden, nämlich auf den Bereich des Sexuellen. Hier bleibt die Psychoanalyse nach wie vor "anstößig".

In den 60er-80er Jahren erfuhr die Freudsche Psychoanalyse eine Relektüre durch den französischen Psychoanalytiker
Mehrdeutig bleibt die Psychoanalyse innerhalb der Filmanalyse immer noch, weil unter ihrem Namen sich u.a. zwei andere Interpretationsmethoden breit gemacht haben, die mit ihrem kritischen Geist nichts zu tun haben: Zum einen jene Versuche, die Filme unter dem Aspekt der »Biographie« zu interpretieren, d.h. man nimmt sich die Biographie des Regisseurs vor und vergleicht sie mit seinen filmischen Produktionen, um daraus Manifestationen und sublimatorische Verarbeitungen von irgendwelchen Kindheits-, Jugend- o.a. Traumata abzulesen; dass hierbei die wissenschaftliche Psychoanalyse auf die Ebene der Regenbogenpresse (man will den König nackt sehen, und das durchs Schlüsselloch!) gebracht ist, bedarf keinerlei Erklärung. Eine andere Spielart versucht als "Psychoanalyse der Filmcharaktere" in den Filmpersonen typische neurotische, psychotische oder perverse Züge zu entdecken und sie – in falscher kurzschlüssiger Anwendung der psychoanalytischen Methoden – als "reale" Personen gleichsam "auf die Couch" zu legen.
Demgegenüber handelt es sich bei der Übertragung psychoanalytischer Methoden auf die Filminterpretation um etwas ganz anderes: Es geht hier um die Verbindung zwischen
Jacques Lacan (1901-1981), der einen ihrer wesentlichsten Ansätze wieder neu ins Bewusstsein gehoben hat, dass nämlich ein "Text" (d.s. im weitesten Sinne alle Formen von Ausdruck) unabdingbar und immer mindestens in zweierlei Hinsicht gelesen werden muss: einmal als "manifester" Textinhalt, zum anderen als "latente" Textbedeutung, und dass dabei die subjektiven Effekte (das "Subjekt des Aussagens") ebenso ernst genommen werden muss wie das "Subjekt der Aussage" (d.i. der Textkorpus insgesamt). Lacan ermöglichte so eine Wieder- und Neubegegnung mit zentralen Texten Freuds (wie z.B. "Die Traumdeutung" und "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten"). Die Präzisierung des Begriffs des »Imaginären« brachte im Umkreis von Lacan neben anderen Manifestationen auch den Film (und das Theater) ins Spiel und darunter vor allem die Beziehung des Films zum Zuschauer: Der Blick (nach Lacan ein wesentlicher Ausdruck des Triebs) fand Eingang in die psychoanalytischen Untersuchungen und mit ihm zugleich eine Präzisierung des Subjektbegriffs mittels der Methoden der Linguistik. Filmsemiologie und Psychoanalyse. Eine Szene um Szene vorgehende Beschreibung als ersten Zugang zum Film erbringt i.A. relativ genau jene Phänomene, die den Zuschauer als Subjekt unmittelbar und unausweichlich ergriffen haben. In einer Sequenzanalyse lässt sich deutlich machen, inwiefern der Zuschauer über den "Blick" zum Spielball seiner eigenen, sich immer wiederholenden und umso mehr auch gewohnten Annahmen und Identifizierungen wird und wie er sich auf eine nichtsdestoweniger komplexe Art und Weise in den Film einschreibt. Lacan spricht hier von einer "Logik des Signifikanten", die als eine Doppelachse beschrieben werden kann:
1. Das Dispositiv geht davon aus, dass dem Zuschauer ein bestimmter Platz zugewiesen wird, den man als die Gesamtheit psychologischer Dispositionen a priori bezeichnen kann, deren Hauptmechanismen sich folgendermaßen präzisieren lassen:
- Einmal die "Identifizierung mit der Kamera" als einer »primären Identifizierung« und getrennt davon eine zweite, »sekundäre« Identifizierung, welche die Haltung des Zuschauers gegenüber den Protagonisten auf der Leinwand kennzeichnet; zumeist ist dies eine »positive« Identifizierung mit dem »guten« Helden/der »guten« Heldin des Films. Da die sekundäre Identifizierung allerdings völlig »subjektiv« (oder »imaginär«) ist, lässt sie sich nur schwer in allgemeine Regeln pressen. Demgegenüber kann aber der Blick der Kamera den Blick des Zuschauers »fixieren«: als Blick des "Zeugen" (durch Blick oder Wort) oder als »erstaunten«, verständnislosen Blick; dieser Blick ist grundsätzlich immer ein ambivalenter Blick, der ein Überschneiden von Liebes- und Todesblick in sich trägt.
- Zum anderen die Position des Zuschauers als »Voyeur«, der seinen »erotischskopischen Trieb« zu befriedigen sucht. Vor allem die feministischen Film-Studien untersuchen dies unter dem Aspekt der Identifizierung der Frau in ihrer Andersheit als ein Anderes und von daher als Bedrohung (Kastrationsdrohung) des Mannes. Im Realen ist der begehrende Blick gespalten in einen aktiven (»maskulinen«) Blick und einen passiven (»femininen«). Im Kino ist die Präsenz der Frau immer auch verbunden mit einer erotischen Betrachtung, die vor allem bei Großaufnahmen und/oder Partialaufnahmen ("Ausschnitte", Fragmente etc.) zur vollen Wirkung gelangt. Im klassischen Film(-Blick) reproduziert sich immer auch das ursprüngliche Trauma von der Entdeckung der Kastration (der Frau o.ä.), oft in Form des Sadismus; ebenso spielt der Fetisch (als Phallus-Ersatz, zur Verhüllung der Absenz des Phallus bei Frau und Mann) eine große Rolle. (Vgl. » Gender Studies« / Rolle der Frau in der patriarchalischen Gesellschaft / Position der Weiblichkeit / Weiblichkeit als Maskerade / Weiblichkeit und väterliches Gesetz u.a.).
2. Die Naht des Films:
Die Präsenz des Zuschauers im filmischen Text selbst realisiert sich aufgrund eines Spiels von Anwesenheit/Abwesenheit (Freud: »fort/da« im Garnrollenspiel). Als "anwesend" kann das Aufeinanderfolgen zweier Bilder/Einstellungen/Szenen gelten, die sich metonymisch oder durch eine außerfilmische Aussage (verbal) artikulieren; sie sind Teil des Registers des Symbolischen; als "abwesend" kann demgegenüber das ganze filmische Feld gelten, das durch das Imaginäre des Zuschauers getragen wird. Das Auftauchen eines Mangels (als dem des abwesenden Felds) führt sofort zur paradoxen Schließung dieses Abgrunds, der durch eine (unmögliche) "Naht" (frz. suture) mit dieser Abwesenheit zusammengeschweißt wird. Der Zuschauer schreibt sich hierbei ein am Rande/im "Spektrum" des "anderen Schauplatzes", den Freud als das Feld des Unbewussten bezeichnet hat. Der Zuschauer gewinnt durch diese "Naht" Zutritt zum wahrhaft filmischen Sinn des Kinos, und zwar supplementär (und nicht "komplementär").
Hans-Peter Jäck
Filmarbeitskreis Wintersemester 2010/11
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