Filmarbeitskreis Wintersemester 2008/09
Reihe „Film und Psychoanalyse“ am Abendgymnasium Frankfurt am Main
«Vom Freak zum Cyborg und darüber hinaus: Normalität und Pathologie im Kino»
Schauen Sie mich gut an, Mr. Holmes, ich habe keine Augen...
Die Ordnung [des Universums] ist nicht vollkommen genug,
um nicht von Zeit zu Zeit, die Geburt von Monstern zuzulassen.
(Denis Diderot: Lettres sur les aveugles)
„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ – Wer kennt diesen berühmten Beginn von Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ nicht und hat in dieser oder in einer anderen Art nicht schon selbst seine eigene Verwandlung im Kino erlebt? Das Kino ist vielleicht immer noch eines der besten Medien solche, inzwischen als „kafkaesk“ bekannten Situationen, die Komisches und Tragisches zusammenführen, auszudrücken. Jedes Mal, wenn das Licht im Kinosaal ausgeht, machen wir die Erfahrung, dass „ich ein anderer“ (Rimbaud) ist.
Der kinematografische Apparat vollbringt dieses Wunder in doppelter Weise, weil er ja nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Figuren auf der Leinwand sich verwandeln lässt, und zwar in jene Vielzahl von Monstrositäten, von denen seit den Tagen unserer Kindheit unser Unbewusstes nur so wimmelt.
Die Reihe «Film und Psychoanalyse» am Abendgymnasium Frankfurt am Main möchte sich im neuen Semester mit diesen eigenartigen Metamorphosen genauer beschäftigen und zeigt dazu Beispiele aus der Frühzeit der Geschichte des Films (Nosferatu, Der Golem, Frankenstein, Freaks), über die unheimlichen ‚aliens’ der 40er bis 60er Jahre (Der Wolfsmann, Die Schöne und das Biest, Tarantula, Godzilla) bis zu den aktuellen phantastischen Ausgeburten der Cyborgs und Androiden (Alien, Blade Runner, Robocop, AI). Bemerkenswert an dieser kurzen Geschichte der „dämonischen Leinwand“ über den Wandel der Gestalt des ‚alien’ von der menschlichen Monstrosität über das Tier bis zum ‚kybernetischen Organismus’ ist, dass sich die Grenzen zwischen „normal“ und „a-normal“ bzw. „pathologisch“ immer mehr verwischen – was uns dadurch einen Blick freigibt auf das Künstliche der Konstruktion des „Normalen“, das als normative Regel im Zuge seiner Durch- oder Umsetzung das ‚Andere’, Fremde, Monströse erst schafft und damit zugleich die Differenz oder Polarität von Eigenem/Fremdem, Engel/Monster, Mensch/Tier oder Maschine, kurz: Normalem und Pathologischem, dekonstruiert.
Ein Höhepunkt bildet dabei ohne Zweifel Ridley Scotts Film „Blade Runner“, der in seiner meisterhaften, zugleich aber völlig veränderten filmischen Umsetzung von Philip K. Dicks Novelle „Do Androids Dream of Electic Sheep?“ wie durch ein Brennglas viele der Dispositive des Kinos als Verwandlungsapparatur versammelt: die Thematik der Science-Fiction-Erzählung – eine Welt mit künstlichen Tieren – wird verdreht in die Darstellung einer Welt, in der künstlich geschaffene Kybernetische Organismen – „Replikanten“ – danach streben, ‚echte’ Menschen zu werden, und damit zugleich deutlich machen, wie sehr die ‚echten’ Menschen vielleicht schon zu ‚wirklichen’ Robotern geworden sind. – Ein kühler prophetischer Blick auf unsere gegenwärtige oder nahe zukünftige Welt?
- Der Arbeitskreis trifft sich 14-täglich donnerstags um 19.15-22.15 Uhr im Medienraum R 1041 des Abendgymnasiums Frankfurt am Main im Bildungszentrum Ostend (BZO). – Beginn: Do 14. August 19.30: Blade Runner!
- Voraussetzungen zur Teilnahme gibt es – außer einer gewissen Art von Liebe zum Film und zum offenen Gespräch – nicht. Der Arbeitskreis ist auch für Nicht-Studierende offen.
- Studierenden des Abendgymnasiums wir die erfolgreicher Teilnahme bei der Stundenbelegung zertifiziert.
Interessenten melden sich bitte bei: H.-P. Jäck; E-mail: Hpjk@aol.com
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