Starke Frauen - Traumatisierte Männer
Différance der Geschlechter im Spiegel des post-klassischen Kinos
„Männlich oder weiblich ist die erste Unterscheidung, die Sie machen, wenn Sie mit einem anderen menschlichen Wesen zusammentreffen, und Sie sind gewöhnt, diese Unterscheidung mit unbedenklicher Sicherheit zu machen.“ Was für Sigmund Freud noch selbstverständlich war, hat Michel Foucault als aufgezwungene Markierungen einer Zwei-Geschlechter-Ordnung in der abendländischen Geschichte entlarvt: „Der Begriff ‚Sex‘ hat es möglich gemacht, anatomische Elemente, biologische Funktionen, Verhaltensweisen, Empfindungen und Lüste in einer
künstlichen Einheit zusammenzufassen und diese fiktive Einheit als ursächliches Prinzip … funktionieren zu lassen.“ (Sexualität und Wahrheit, Band 1) Geschlechtsidentitäten gewinnen Wirklichkeit durch Einschreibungen nicht nur ins individuelle Fleisch, sondern auch durch kollektive Institutionen von Ehe, Familie, Gesetzgebung, Wissenschaft, Medienindustrie oder Ökonomie usf.
Und so lässt sich die ‚wahre‘ Geschichte, die Siegfried Kaltenecker in seinem Buch „Spiegelformen – Männlichkeit und Differenz im Kino“ erzählt, als echte ‚Subversion der Geschlechterordnung‘ lesen: Zwei kleine Kinder betrachten ein Altarbild von Adam und Eva. „Welcher von den beiden ist der Mann und welche die Frau?“, fragt das eine Kind; das andere entgegnet: „Ich kann es nicht sagen – sie haben keine Kleider an!“
Zwei Meldungen: „Die ARD beendet aufgrund enttäuschender Einschaltquoten die Vorabendserie «Eine für alle – Frauen können’s besser» vorzeitig.“ – „Ein Mann fällt aus einem Helikopter und überlebt den Sturz; ein Krankenwagen entführt den Bewusstlosen, dem man in einem Krankenhaus das kräftige Herz entnimmt und ihn nach der Implantation eines künstlichen wieder in die Freiheit entlässt.“ − Während die erste Meldung „real“ ist, handelt die zweite vom Plot des erfolgreichen Filmsequels „Crank 2“ von Mark Neveldine (2009). Beide Meldungen lassen sich als Spiegelungen der aktuellen Situation der Geschlechterdifferenz(en) lesen: Im Fernsehen ist die Darstellung „starker Frauen“ ein Flop, und der Kinofilm erzählt von einem Mann, dem das Herz abhanden gekommen ist und der in neu erweckter und gewohnt hektischer Macho-Manier sein Lebensorgan wieder erlangen will. „Die Taten des post-klassischen Helden markieren eine Grenze
durch seine Risikobereitschaft, seine unmoduliert extremen Affekte oder Emotionen und die für das Erreichen seiner Ziele spektakulär und exzessiv eingesetzten körperlichen oder ballistischen Mittel.“ (Thomas Elsaesser, 2009). Trotz allen buchstäblichen aktionistischen Overkills in Form des gängigen „mindgame movie“ transportiert der Kinofilm die aktuelle Botschaft, dass der ‚moderne‘ Mann zu seiner ‚klassischen‘ Männlichkeit nur finde, weil er den wichtigsten Teil seines Körpers verloren hat – das Herz! Das ‚Trauma des verlorenen Herzens‘ – eines Herzens aus Glas, wie es scheint − lässt ihn erst wieder zur Hochform des klassischen Machismo auflaufen, und wir können vermuten, dass er ansonsten sein Leben als jenes berüchtigte ‚Weichei‘ verbracht hätte, das in den Medien inzwischen den Platz des Blondinenwitzes eingenommen hat. Die Bewährung des modernen Helden findet aber nicht mehr, wie im ‚klassischen‘ Film, in einer Ausnahmesituation statt, sondern unter dem Druck der Kontrollgesellschaften wird ihm die Ausnahmesituation zur alltäglichen Norm. Wir werden zu Teilnehmern einer Satire des Realen im Spiegel der Filmsatire.
Der Film-Arbeitskreis am Abendgymnasium Frankfurt am Main will im Winter-Semester dem Wandel der ‚klassischen‘ Geschlechterrollen von Weiblichkeit und Männlichkeit nachgehen. Dabei wird auch der Beitrag der Kinematographie zur Dekonstruktion der Geschlechterrollen zu prüfen sein. Es ist zu fragen, inwiefern Walter Benjamins Vermutung über die umfassende Sprengkraft des Kinos zutrifft: „Unsere Kneipen und Großstadtstraßen, unsere Büros und möblierten Zimmer, unsere Bahnhöfe und Fabriken schienen uns hoffnungslos einzuschließen. Da kam der FILM und hat diese Kerkerwelt mit dem Dynamit der Zehntelsekunde gesprengt, so dass wir nun zwischen ihren weitverstreuten Trümmern gelassen abenteuerliche Reisen unternehmen.“ (Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit) – Zu den zitierten gesprengten Kerkermauern scheint freilich inzwischen noch eine zusätzliche Mauer hinzugekommen: die Mauer der Geschlechtsidentität. Zur abenteuerlichen Reise zwischen ihren Trümmern lädt der Filmarbeitskreis ‚herzlich‘ ein.
Der Arbeitskreis Film am Abendgymnasium Frankfurt am Main trifft sich im Wintersemester (voraussichtlich) wieder donnerstags 14-täglich im Bildungszentrum Ostend (BZO), Raum 1041, 19.15-22.15 Uhr. − Anmeldung bei H.-P. Jäck, Hpjk
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Der Arbeitskreis ist auch für Teilnehmerinnen und Teilnehmer außerhalb des Abendgymnasiums offen. Die erfolgreiche Teilnahme wird für Studierende im Kursheft bestätigt.
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