Filmarbeitskreis Sommersemester 2009

Reihe „Film und Psychoanalyse“ am Abendgymnasium Frankfurt am Main

« Vampirismus im Kino»

 

vampir_01.gif

"Psychoanalyse und Vampirismus sind die miteinander
konkurrierenden Wissenschaften des Untoten."
Laurence A. Rickels, Vampirismus-Vorlesungen, 2007

… Blut (und Fleisch), so wissen wir spätestens seit der christlichen Religion, sind Symbole des Angedenkens an Leben und Tod: "Trinket alle daraus", so spricht der Jesus des Matthäus-Evangeliums, als er seinen Jüngern den Kelch reicht, "das ist mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden." Das Evangelium feiert das Leben und stellt den Tod unter Tabu; doch gerade die Verbannung des Todes in ein Draußen verändert mit einem Male die gesamte Situation "drinnen", wie schon C.Th. Dreyer treffend erkannt hat: "Stellen Sie sich vor, wir sitzen in einem ganz normalen Zimmer [ein bürgerliches Wohnzimmer oder ein Kinosaal…, HPJ]. Plötzlich sagt man uns, dass eine Leiche vor der Tür liegt. In diesem Augenblick verändert sich dieser Raum vollkommen. Jedes Objekt in diesem Zimmer sieht plötzlich ganz anders aus. Das Licht und die Atmosphäre haben sich verändert, obgleich tatsächlich alles wie vorher ist…" Aus einem scheinbar ganz ‚normalen‘ Beisammensein der Menschen wird jene Trauergesellschaft, die beherrscht ist von einer seltsam-unheimlichen Ambivalenz aus Ehrfurcht und Abscheu: Im Ritual des Totengedenkens, bei dem der Tote verehrt und idealisiert wird, mischt sich ein Abwehrwunsch, der uns vom Toten – und vom Tod insgesamt – erlösen, uns vor ihm bewahren soll. In "Totem und Tabu" hat Sigmund Freud dieser Ambivalenz zur Sprache verholfen und zugleich zu erklären versucht, warum "ursprünglich … alle Toten Vampire (waren), alle … den Lebenden (grollten) und trachteten, ihnen zu schaden, sie des Lebens zu berauben." Für Freud handelt es sich um nichts anderes als um eine "Projektion der unbewussten Feindseligkeiten … auf die Dämonen … (zur)Erledigung eines Gefühlskonflikts"; diese Projektion ist aber keineswegs nur zur Abwehr bestimmt: "Die Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen ist ein primitiver Mechanismus, dem z.B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an der Gestaltung der Außenwelt normalerweise den größten Anteil hat." Das Tabubewusstsein erklärt Freud kurzerhand zum "Tabuschuldbewusstsein", ja zum "Gewissen" als einer inneren "Verwerfung bestimmter in uns bestehender Wunschregungen": "Wir werden annehmen," fährt Freud fort, "dass das Begehren zu morden tatsächlich im Unbewussten vorhanden ist und dass das Tabu wie das Moralverbot psychologisch keineswegs überflüssig ist, vielmehr durch die ambivalente Einstellung gegen den Mordimpuls erklärt und gerechtfertigt wird." Im Tabu des Todes entziffert Freud demnach eine ebenso grundlegende wie notwendige Wirkmächtigkeit des GESETZES, das das gesamte Leben der Menschen beherrscht…

  • Der Arbeitskreis "Vampirismus im Kino" findest statt donnerstags 14-täglich (B-Woche) im Abendgymnasium Frankfurt am Main, Raum 1041, 19.15 - 22.15 Uhr. Anmeldung bei H.-P. Jäck, Hpjkataoldotcom
  • Der Arbeitskreis ist auch für Teilnehmerinnen und Teilnehmer außerhalb des Abendgymnasiums offen. Die erfolgreiche Teilnahme kann für Studierende im Kursheft bestätigt werden.

 

Filmauswahl u.a.

F.G. Murnau. Nosferatu, 1922
T. Browning, Dracula, 1931
C.Th. Dreyer, Der Vampyr, 1932
K. Shindo, Onibaba – Die Töterinnen, 1955
E.D. Wood, Plan Nine From Outer Space,
T. Fisher, Dracula, 1958
W. Herzog, Nosferatu - Phantom der Nacht,
K. Russel, Gothic, 1986
R. Emmerich, Universal Soldier, 1992
F.F. Coppola, Bram Stoker’s Dracula, 1992
G.A. Romero, Die Nacht der lebenden Toten
T. Alfredson, So finster die Nacht, 2008