Arbeitskreis „Film und Psychoanalyse“ am Abendgymnasium Frankfurt am Main
Sommer-Semester 2010
SEXUELLE «DIFFÉRANCE» IM KINO
Auf den Spuren von Spiel- und Spiegelformen von Männlichkeit und Weiblichkeit
"ICH IST EIN ANDERER!" – dieser Ruf von Arthur Rimbaud hat seit dem vorletzten Jahrhundert nichts von
seiner Aktualität verloren; ja, durch das Medium Film und Fernsehen scheinen Spiel- und Spiegelformen des Anderen noch ins Unendliche vervielfältigt. Das Kino nimmt die Rolle als Modemacher und Abbildner der inzwischen ins Fließen geratenen Geschlechtsdifferenz ein. Schlagwörter wie „Neosexualitäten“, „Metrosexualität“,„Transsexualismus“ machen in Zeitschriften und Wissenschaftspublikationen inzwischen die Runde: Was ist demnach dran, an der in der Psychoanalyse vielzitierten „Neuen Ökonomie des Psychischen“, die sich offenbar gründlich von den tradierten Formen der Geschlechterdifferenz bzw. -polarität unterscheiden soll?
In Serge Gainsbourghs Film "Je t’aime, moi non plus" von 1976 behauptet die weibliche Hauptfigur Johnny (Jane Birkin) gegenüber dem Mann, den sie für sich zu gewinnen sucht und von dem sie weiß, dass er homosexuell ist, "Ich bin ein Junge!", nur um wenige Szenen später freudig im rosafarbenen Kleid ihm über die Wiese entgegenzulaufen und seiner Abwehr mit dem stolzen Ausruf zu begegnen: "Aber ich bin doch ein Mädchen!" ‒ Der neue Roman der 17-jährigen Helene Hegemann, "Axolotl Roadkill" (2010) berichtet vom Stand der Dinge in Sachen Sex der modernen Teenies; "stockbisexuell" zu sein, wird für diese neue Generation als normal behauptet.
Zugleich aber spielt im Roman der titelgebende nachtaktive mexikanische Lurch, das BABYAXOLOTL, eine zentrale Rolle, die man als Spiel- und Spiegelform einer "neuer" Art von Geschlechtsformation ansehen könnte. Helene Hegemann ironisiert dies folgendermaßen: "Sieht aus wie eine Comicfigur, hat keine großen Ansprüche an irgendetwas und bleibt sein gesamte Leben lang im Lurchstadium, das heißt, es wird einfach nicht erwachsen." Die neu gewonnene ‒ nicht nur sexuelle ‒ Freiheit verbreitet keinerlei Glücksgefühl, sondern wird eher trocken und melancholisch zur Kenntnis genommen: "Ich habe zwar keine Freudensprünge gemacht, als ich das herausgefunden habe", ‒ wie der Verlust eines Begehrens, das bisher die herkömmliche(n) Beziehung(en) der Geschlechter beherrscht und womöglich dadurch in Dynamik gehalten habe.
Lange Zeit galt die Frage "Was will das Weib?" (Sigmund Freud) als Reisemotivation zur Erforschung jenes "dunklen Kontinents", der uns endlich Auskunft über die Frage des Geschlechtsunterschieds geben könnte. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan ist der Lösung der Frage nähergekommen, stellt er doch für das Begehren der Geschlechter fest: "Das Begehren [der Frau] sehen lassen ist für die Frau offensichtlich bisweilen angstbesetzt. Warum? Ich bitte Sie sich den Unterschied zwischen der Dimension des Sehen-Lassens und des Paares Voyeurismus/Exhibitionismus einmal genauer anzuschauen. Es geht allein darum, es sehen zu lassen und zu sehen; es gibt das Sehen-Lassen für die Frau; die ganze Gefahr beginnt demnach schon mit der Maskerade. Was die Frau sehen lässt, ist das, was es selbstverständlich gibt. Wenn das nicht viel ist, dann ist das zwar beängstigend, doch es ist immerhin das, was es gibt; währenddessen heißt beim Mann ‚sein Begehren sehen lassen’: im Wesentlichen das sehen lassen, was er nicht hat." –
Der psychoanalytisch geschulte Blick konstatiert demnach eine merkwürdige Verdrehung oder Verwindung: Wenn der Mann sein Begehren zeigt, so zeigt er damit etwas, was er nicht hat, und umso überdeutlicher muss er das herausstellen; es führt ihn zu je- nem Machismo, jener ‚Parade’ oder jenem gockelhaften Beneh- men, was etwa in Gestalt des spanischen Toreros – und in all den Spielarten des ‚männlichen’ Gehabes – überdeutlich inszeniert wird (und folglich muss die Torera, in Pedro Almodóvars Film «Sprich mit ihr», nachdem sie vom Stier niedergeworfen wurden, – zur Strafe – ins Koma fallen!). Wenn allerdings die Frau ihr Begehren offen zu Schau stellt, zeigt sie genau, was sie hat, und gerät darüber oft selbst in Verwirrung…
Nicht zufällig schildert Lacan die sexuelle Differenz als szenisch-filmisch-visuelles (also imaginäres) Dispositiv; dieselbe ambivalente Haltung spiegelt sich gleichfalls im Publikum wieder, das sich Filme betrachtet, die letztlich immer auch von dieser Differenz handeln. Alltags- und Filmwirklichkeit stehen zueinander in signifikanter Beziehung. Woran lassen sich die "Grenzen" von Männlich- keit oder Weiblichkeit erkennen? Sind sie inzwischen nach beiden Seiten überschreitbar und überschritten oder verharren wir ‒ wie Franz Kafkas "Mann vom Lande" in "Vor dem Gesetz" ‒ immer noch auf der Schwelle? ‒ Der Filmarbeitskreis zu "Film und Psychoanalyse" will in diesem Semester dieser Frage anhand von Filmen aus fernen und nahen Zeiten nachgehen und zeigen, wie das Bild der Geschlechter sich seit der Erfindung des Kinos verändert hat; zu fragen wird auch sein nach "Moden" und "Logik" der Darstellungen der Geschlechtsdifferenz. Und somit auch: Was ist und wohin treibt [uns] die sexuelle différance? Dabei werden männliche und weibliche Stereotypen ebenso thematisiert wie differierende Männlichkeits- und Weiblichkeitsrollen.
Der Arbeitskreis Film am Abendgymnasium Frankfurt am Main trifft sich im Sommersemester wieder am Donnerstag, 14-täglich, B-Woche, im Bildungszentrum Ostend (BZO), Raum 1041, 19-15-22.15 Uhr. − Anmeldung bei H.-P. Jäck, hpjck
t-online
de
- Der Arbeitskreis ist auch für Teilnehmerinnen und Teilnehmer außerhalb des Abendgymnasiums offen.
- Die erfolgreiche Teilnahme kann für Studierende im Kursheft bzw. im Zeugnis bestätigt werden.
- Die Filmankündigungen werden jeweils am Schwarzen Brett in der Eingangshalle angekündigt.
Die erste Sitzung des AK-Film findet statt am Donnerstag 11. Februar 2010, 19.15-22.15 Uhr, Raum 1041 mit dem Film von Sam Peckinpah: THE WILD BUNCH, USA 1969.
Filmauswahl
Akin, Fatih: Gegen die Wand, 2004
Almodóvar, Pedro, Live Flesh, 1997
ders., Sprich mit ihr
Anderson, Thomas Paul: Magnolia, 1999
Antonioni, Michelangelo: Der letzte Tango von Paris
Babenco, Hector: Der Kuss der Spinnenfrau
Bonitzer, Pascal: Encore, 1996
Buñuel, Luis: Das verbrecherische Leben des Archibaldo Cruz
Cacoyannis, Michael: Alexis Sorbas, 1964
Cameron, James: Avatar, 2009
ders., Titanic
Coen, Joel & Ethan: No country for old men
dies., Burn after Reading
Coppola, Sofia: Lost in Tanslation
Cronenberg, David: History of Violence, 2006
Curtiz, Michael: Casablanca 1943
Fassbinder, Rainer Werner: Die Ehe der Maria Braun
Fellini, Federico: 8 ½, 1963
ders., La Strada
ders., Amarcord
ders., Stadt der Frauen
Ferreri, Marco: Das große Fressen, 1970
Gainsbourg, Serge: Je t’aime – moi non plus, F 1975
Godard, François: Außer Atem
Greenaway, Peter: Verschwörung der Frauen
Hardwicke, Catherine: Twilight / Bis(s) zum Morgengrauen
Hawks, Howard: Ich war eine männliche Kriegsbraut, 1949
Hitchcock, Alfred: Vertigo
Huston, John: Der Malteser Falke
Jeunet, Jean-Pierre: Die fabelhafte Welt der Amélie
Kim Ki-Duk: Frühling, Sommer, Herbst und Winter
Kubrick, Stanley: Eyes Wide Shut
Lee, Ang: Brokeback Mountain, 2006
Leone, Sergio: Spiel mir das Lied von Tod
Lynch, David: Inside Empire
ders., Der Elefantenmensch
Mendes, Sam: American Beauty, 2000
Ozon, François: 8 Frauen, 2002
Peckinpah, Sam: The Wild Bunch
ders., Pat Garrett jagt Billy The Kid, 1972
Powell, Michael: Peeping Tom, 1959
Puenzo, Lucía: XXY, 2008
Resnais, Alain: Smoking/No Smoking, 1993
ders.: Herzen (Coeurs) 2006
Roehler, Oskar: Agnes und seine Brüder, 2004
Rohmer, Eric: Der Freund meiner Freundin
ders., Das grüne Leuchten
ders. Vollmondnächte
Saura, Carlos: Carmen
Schnabel, Julian: Basquiat, 1996
ders., Before Night Falls, 2000
Takayashi, Yoshi: Irezumi ‒ Die tätowierte Frau
Tarantino, Quentin: Death Proof, 2007
ders., Inglourious Basterds, 2009
ders., Pulp Fiction
Truffaut, François: Der Mann der die Frauen liebte
ders., Jules und Jim
Visconti, Luchino: Der Leopard
ders., Ossessione
Wilder, Billy: Sunset Boulevard
ders., Manche mögen’s heiß, 1959
Wong Kar Wai: 2046
ders., In the mood of love
Zinnemann, Fred: High Noon
Literatur (Auswahl)
Butler, Judith: Körper von Gewicht ‒ Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, 1993 New York / 1995 Berlin (Berlin Verlag)
dies., Kritik der ethischen Gewalt ‒ Adorno Vorlesungen, Frankfurt am Main (Suhrkamp)
dies., Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1991, New York 1990
dies., Psyche der Macht, ‒ Das Subjekt der Unterwerfung ‒ Gender Studies, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2001, Stanford 1997
dies., Antigones Verlangen: Verwandtschaft zwischen Leben und Tod, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2001
Derrida, Jacques: Die Différance, Stuttgart (Reclam) 2008
ders., Geschlecht (Heidegger) ‒ Sexuelle Differenz. ontologische Differenz ‒ Heideggers Hand, Wien (Passagen) 1988, Paris (Galilée) 1987
Dromurat, Alice: Hermaphrodites and the Medical Invention of Sex, Cambridge – London (University Press) 1998
Elsaesser, Thomas: Hollywood heute ‒ Geschichte, Gender und Nation im postklassischen Kino, Berlin (Bertz&Fischer) 2009
ders./Hagener, Malte, Filmtheorie zur Einführung, Hamburg (Junius) 2007
Fend, Mechthild, Grenzen der Männlichkeit ‒ Der Androgyn in der französischen Kunst und Kunsttheorie 1750-1830, Berlin (Reimer) 2003
Foucault, Michel (Hg.), Herculine Barbin dite Alexina, Paris (Gallimard) 1978
ders., Les Anormaux, Cours au Collège de France 1974-1975, Paris (Seuil/Gallimard) 1999, dt. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2007
Freud, Sigmund, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905), in: S.F. Studienausgabe Band V
ders., Zur Ätiologie der Hysterie (1896), in: S.F., Studienausgabe Band VI
Graille, Patrick: Les Hermaphrodites aux XVIIe et XVIIIe siècles, Paris (Les Belles Lettres) 2001
Hegemann, Helene: Axolotl Roadkill, München (Ullstein) 2010
Kaltenecker, Siegfried: Spiegelformen ‒ Männlichkeit und Differenz im Kino, Frankfurt am Main (Stroemfeld/Nexus) 1996
Kristeva. Julia: Geschichten von der Liebe, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1989, Paris 1983
Kofman, Sarah: Aberrations ‒ Le Devenir-Femme d’Auguste Comte, Paris (Aubier-Flammarion) 1978
Le Mens, Magali – Nancy, Jean-Luc: L’hermaphrodite de Nadar, Paris (Creaphis) 2009
dies., Ambigüité sexuelle dans l’art de Winckelmann à Mondrian (1750-1930): au-delà des sexes: visibilité des hermaphrodites, figurations et passage à l’abstraction, Paris 2007
Löchel, Rolf: Das revolutionäre Potential von Geschlecht und différance
Malabou, Catherine: La Chambre du milieu. De Hegel aux neurosciences, Paris (Hermann) 2009
dies., Changer de différence. Le féminin et la question philosophique, Paris (Galilée) 2009
Mak, Geertje: “So We Must Go Behind Even What The Microscope Can Reveal” ̶ The Hermaphrodite’s «Self» in Medical Discourse at the Start of the Twentieth Century, GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies 11.1, 2005
Matta, Christina: Ambiguous Bodies and Deviant Sexualities, Hermaphrodites, Homosexuality, and Surgery in the United States 1850-1094, in: Perspectives in Biology and Medicine 48.1, 2005
McGuire, James R.: La représentation du corps hermaphrodite dans les planches de l’Encyclopédie, in: Recherches sur Diderot et sur l’Encyclopédie No XI, Paris (Klincksieck) Oktober 1991
Melman, Charles: L’Homme sans gravité, Paris (Denoël) 2002
Michels, André: Transsexualisme, norme et écriture, MB 76 der AFP 2008
Nancy, Jean-Luc: L’un des sexes, Nachwort zu Magali (2009), S.55-63
Rendtorff, Barbara: Geschlecht und Différance. Die Sexuierung des Wissens, Königstein 1998
Ronsil, George Arnaud de: Mémoire de chirurgie avec quelques remarques historiques sur l’état de la médicine en France et en Angleterre. Comprenant la dissertation sur les Hermaphrodites, 1768
Seifert, Edith: Was will das Weib? ‒ Zu Begehren und Lust bei Freud und Lacan, Weinheim – Berlin 1987
Sigusch, Volkmar: Neosexualitäten ‒ Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion, Frankfurt am Main (Campus) 2005
Stafford, Barbara Maria: Body Criticism: Imaging the Unseen in Englightment Art en Medicine, London - Cambridge (MIT) 1993
Tischleder, Bärbel: Body Trouble – Entkörperlichung, Whiteness und das amerikanische Gegenwartskino, Frankfurt am Main (stroemfeld/nexus) 2001
Tuffier, Théodore/Lapointe, André: L’hermaphroditisme, ses variétés et ses conséquences pour la pratique médicale (d’après un cas personnel), in: Revue de gynécologie et de chirurgie abdominale, Paris 1911
Weitere Film- und Literaturtipps sind willkommen!
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Maschinen-Monster
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